Warteschlangen im Supermarkt offenbaren schonungslos die neurotischen Abgründe unseres Zusammenlebens. Platz eins aller nervigen Phänomene ist das extreme „Auf-die-Pelle-rücken“ der nach mir Wartenden. Die einen schieben mir ständig den Wagen in die Hacken und sind schwer beleidigt, wenn ich es wage, sie darauf aufmerksam zu machen – es wäre ja keine Absicht gewesen. Das hätte ja auch noch gefehlt! Andere schlagen mir mit den baumelnden Handtaschen oder Einkaufskörben gegen die Oberschenkel, so dass ich mich frage, was sie so wenige Zentimeter hinter mir zu suchen haben. Das gleiche gilt für die Schnellkäufer mit zwei Artikeln in der Hand, deren Atem – der nicht immer toll riecht – meine Nackenhaare kräuseln läßt. Wenn ich mich ruckartig umdrehe, kommt es meistens zu einer Kollision. Warum in aller Welt können diese Menschen keinen anständigen Abstand halten? Der beträgt übrigens bei Personen, die man nicht kennt, eine Armlänge. Alles, was dichter ist, fällt unter den Intimbereich. Wer unerlaubt darin eindringt, muss mit mehr oder weniger heftigen Abwehrreaktionen rechnen.
So weit, so schlecht – es geht aber noch weiter: Auch wenn auf dem Band nur 3 cm Platz und noch drei Kunden vor einem sind, müssen manche einen schon zur Seite drängeln, um anzufangen, ihre Sachen aufs Band zu legen. Danach angeln sie sich noch die Zigaretten, die über der Kasse hängen, drängeln sich in dem engen Kassengang halb an mir vorbei und ziehen mir dabei einmal ihren dreckigen Ärmel durch meinen vor Erstaunen geöffneten Mund. Natürlich sind sie zu einer kultivierten Äußerung wie z.B. „darf ich bitte mal da durch?“ nicht in der Lage. Die Angst, ihre Kippensorte könnte von mir aufgekauft werden, bevor sie an der Reihe sind und ohne Verrenkungen ins Regal greifen könnten, ist einfach stärker. Bis jetzt habe ich also schon Schläge und Rempler eingesteckt und der Alkohol- und Tabakdunst meines immer dicht an mir klebenden Hintermannes sorgt für ein eingeschränktes Einpackvermögen meinerseits. Um einpacken zu können, habe ich natürlich den Kassengang fast verlassen, und logischerweise rücken alle Wartenden so weit auf, wie es geht. Auch in diesem Stadium ist man vor Attacken des folgenden Einkaufswagens nicht sicher. Ich bin geübt im Packen, so dass ich damit meistens fertig bin, wenn die Kassiererin die Summe nennt. Das Bezahlen gestaltet sich allerdings etwas schwierig, da die Warteschlange so weit nachgerückt ist, dass ich gar nicht mehr zum Bezahltischchen komme. Dort steht nämlich immer schon mein Nachfolger mit ungeduldigem Blick, das Portemonnaie in der Hand. An dieser Stelle schlage ich immer vor, er oder sie könne ja bezahlen, worauf die Person dann eilig zurückweicht, was bei einer langen Schlange besonders spaßig ist und zu diversen Kollisionen führt. Selbstverständlich bleibt mein Hintermann aber so dicht stehen, dass er ohne Weiteres meine PIN erkennen könnte, tief in meine Brieftasche schaut und mir natürlich seinen ekligen Atem entgegen haucht. Spätestens jetzt bin ich so genervt von der ungeduldigen Ignoranz, dass ich anfange, Zeit zu schinden und mein Kleingeld zücke, um den Betrag passend zu zahlen. Damit es auf den Cent passt, muss ich natürlich akribisch zählen – und das dauert. Wenn es mich dann reitet, fange ich mit der Kassiererin noch einen kleinen Plausch an, um mich daran zu ergötzen, wie die ungeduldige Miene der Wartenden sich in Wut verwandelt. Als ob ein respektvoller Abstand in der Warteschlange verhindern würde, dass es schneller geht!
Mein Vorschlag: Eine gelbe Linie auf dem Boden, wie es inzwischen bei Bank, Post und Bahn üblich ist. Und so lange es die nicht gibt, kann ich nur rufen: „Bleibt mir von der Pelle!“
Bleibt mir von der Pelle – über Nervensägen in Warteschlangen
Frederik said,
Ist dies nicht eine allzu pessimistische Sicht der Dinge? Wir leben zusammen, manchmal enger, als es uns lieb ist – jedoch wäre eine gelbe Linie eine Farce, die dem Supermarkt seinen ganzen Charme nehmen würde. Übrigens passieren mir solche Dinge nie; vielleicht ist deine Einstellung zum Thema “Menschliches Miteinander” nicht gesund?
Moritz said,
Tja Frederik, was betrachtest Du als menschlich “gesundes” Miteinander? Es ist natürlich eine relative Empfindung: Was man in der U-Bahn “Überfüllung” nennt, ist in der Kneipe “Atmosphäre”…
Was Du allerdings an unerwünschter und aufgezwungener Nähe als “charmant” finden kannst, würde mich doch interessieren?
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